Meine Steine und ich schwingen gemeinsam


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Therapiearbeit

Therapiearbeit

Bildhauern aus therapeutischer Sicht
Seit ca. 3 Jahrzehnten bewegt mich der Gedanke, die auffallend ganzheitliche und zur inneren Einheit führende Wirkung der Steinbearbeitung einer größeren Zahl von Menschen näher zu bringen. Diese Motivation war begründet in den Jahren von diesbezüglichen Projektunterrichten an Schulen und den Erfahrungen mit jungen Menschen. Mit der Zeit sind alle Altersgruppen mit einbezogen worden. So wie in den vergangenen Jahren sind auch im Jahr 2014 Seminare in einigen Ländern Europas programmiert.

Beginnen wir bei den Kleinen:
Unerschrocken und Selbstverständlich gehen Kinder ab Volksschulalter (siehe Fotogalerie) an die Herausforderung Stein heran. In dieser Altersgruppe liegen die Jahre, in denen in der Sandkiste Burgen gebaut wurden, nicht sehr weit zurück. Und der Schritt von der Sandburg zum Sandstein ist nur ein kleiner. Dazu kommt grundsätzlich große Neugierde und ein Alles-in die Hand-nehmen-müssen - sonst so oft verboten - was der Bekanntschaft mit der großen Palette an Werkzeugvarianten und dem Stein beflügelt. Hier gilt Werkzeug = Spielzeug
Durch die genaue Auswahl des Materials und im Besonderen auch durch das Bereitstellen von Handwerkzeugen in reduzierten Größen und Gewichtsvarianten, passend für die kleinen Hände, kommt eine sorgenfreie, spielerische Entdeckerfreude zu Tage.

Jede Stunde, in die die kleinen Kollegen und Jugendlichen an der „archetypischen Spielkonsole“ – dem Stein - verbringen, mit dem Meißel in der Hand -anstatt mit dem „Joystick“ an der Play Station - ist eine gewonnene Stunde. Das natürliche in Angriff nehmen des Steines, kann mit dem Aggressionsgehabe des Cyberkrieges am Bildschirm an Attraktivität locker mithalten.

Das „Gemetzel“ (Gemeissel) auf ihrem kleinen „Schlachtfeld“ – dem Block – ist trotz der etwas martialischen Bezeichnung die weitaus bessere Wahl gegenüber der digitalen Parallelwelt. Es gelingt mir sie zu überzeugen, dass das, was sie in der Hand halten
keine Waffe, sondern eher als ein Schlüssel zu sehen ist. Der geschliffene Stahl in ihrer Hand ist nur rein äußerlich einer Waffe ähnlich. Bei näherer Beschäftigung aber, symbolisch wie ein Schlüssel zu handhaben, der sich eignet, zu entriegeln, was verschlossen unter der Oberfläche des Blockes liegt
Ein Schlüssel, der gut passt, um trennende Schranken zu öffnen.
Ein Schlüssel, der vorgefasste Meinungen aufschließen kann.
Ein Schlüssel, der die innere Schatztruhe der Poesie aufsperrt, um aus deren Reichtum zu schöpfen.

Schneller als angenommen spüren die jungen Menschen diesen Möglichkeiten nach - alles abzulesen an der großen archetypischen Festplatte Stein. Ein kraftvolles zuschlagen bezieht sich also nur auf den Block vor ihnen und niemals auf ein anderes Gegenüber.

Halten wir uns vor Augen, dass für unzählige Jugendliche auf der ganzen Welt die symbolische Verarbeitung ihrer „Kampfkraft“ auf der Bilderebene nicht stattfinden kann, besonders fehlt die Möglichkeit einer Vorwegnahme von tatsächlicher Aggression auf dieser Ebene an dem beschriebenen persönlichen „Kriegsschauplatz am Stein“, auf dem die Fäuste noch zuschlagen dürfen. Es fehlt ein Schlüsselerlebnis.

Es geht ums Ganze
Wer schon einige Jahre in der Berufswelt zugebracht hat, als Erwachsener, nützt die heilsame Wirkung der Steinbearbeitung um eine Entwicklung in Gang zu bringen, die schon nach kurzem als ganzheitlich wirksam, empfunden wird. Spielerisch wird dem Faktor Zeit ein Schnippchen geschlagen und es wird die innere Uhr zum wesentlichen Zeitmaß. Wir finden unseren eigenen Rhythmus und letztlich ganz allgemein das richtige Maß. Wir reduzieren die Größe des Blocks und analog dazu, viel Belastendes aus dem inneren Sammelsurium der Jahre.
Es geht vom Übermaß zum rechten Maß.

In diesem Zusammenhang spreche und schreibe ich gerne in der Wir-Form, da ich jede autoritätsähnliche Atmosphäre gegenüber den Seminarteilnehmern vermeiden möchte. Vielmehr sehe ich mich als Kamerad, der schon einiges im Bereich Stein und Bildhauern erlebt hat und behutsam die Kollegen zu einem guten und ermutigenden Einstieg führen möchte.

Wie auf einer Bergwanderung oder einem Pilgerweg gehen wir Seite an Seite und begeben uns im übertragenen Sinn auf einen Pilgerweg für die Hände. Wir begreifen, dass wir vom Ziel nicht mehr allzu weit entfernt sind, wenn wir konsequent weiter gehen. Um dieses Empfinden des gemeinsamen Weges zu stärken, beginne ich selbst bei jedem dieser Seminare einen neuen Block, gleich wie die Teilnehmer, gleich staubig, gleich verschwitzt. Auch erst an einem Anfang stehend.

Die ersten Schritte
Mit Hammer und Meißel kommen einem Aufbruch ins Unbekannte gleich. Es wird zu einem Betreten von völligem Neuland. Die Worte Hermann Hesses: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, bestätigen sich hier gut sichtbar im Verhalten und den Reaktionen der Teilnehmer. Sie werden sich bewusst, dass noch nie jemand vor ihnen das Innere ihres Blocks sehen, geschweige denn berühren konnte. Diese Premiere und ihre Einzigartigkeit wird für sie erkennbar.

Neues ersetzt das Alte
Das erste Aufbrechen des Blocks heißt auch analog aufbrechen aller althergebrachten und lange eingebürgerten versteinerten Strukturen in uns selbst. Mit jedem Meißelschlag zerbröseln sie, wie die Splitter am Stein - Schritt für Schritt. Inneren Barrieren und Blockaden brechen weg. Es ist sehr belohnend mitzuerleben, wie sich in der Gruppe ein großer Aufbruch in ein neues vorher noch nicht gekanntes positives Lebensgefühl entwickelt.

Die Erschütterungen der Hammerschläge pflanzen sich im ganzen Körper fort und lassen keine Zelle unberührt. Diese selbsterzeugte „Taktfrequenz“ geht tatsächlich durch Mark und Bein und bewirkt in hohem Ausmaße die Ausgangsimpulse für das Entstehen neuer Wellenlängen.

Schlag auf Schlag
entsteht eine Art von Vertrauensverhältnis zu dem neu gewonnen Partner dem Stein, dem wir alles was uns lange schon bedrückt, bewegt, belastet, aber auch fasziniert und begeistert – von uns selbst als unaussprechlich schubladiert - anvertrauen können. Jetzt darf es endlich raus, ans Tageslicht sichtbar, begreifbar! Jeder Schlag wird jetzt zum Befreiungsschlag! Freudenschreie mit den Händen! Träume und Visionen kommen in eine gut begreifbare Form. Gut begreifbar für Alle.

Bildhaft gesprochen haben die Arbeitsrhythmen auch das innere Kind aus seinem Dornröschenschlaf geweckt und es gibt unübersehbar ab jetzt den Ton an: Es darf spielen, es darf lachen, es darf weinen. Und genau das tun dann auch die Teilnehmer, wenn sie sich von lange mitgeschleppten Ballast und alten Blockaden lösen konnten. Jubel und Tränen brechen durch.
Spätestens an diesem Punkt der Entwicklung kommt auch bei Teilnehmern, die eingangs oftmals mit einer großen Bürde an Belastungen begonnen hatten, eine massive Erleichterung und ein Ausbruch der Lebensfreude in Gang. Die Menschen spüren, dass sie in dem neu entwickelten kleinen Universum selbst uneingeschränkt Regie führen dürfen und eine neue Balance in ihrem Leben herstellen können. Der beste Therapeut in diesem Zusammenhang ist der Stein selbst.

Zum Zentrum
Das zentrale Anliegen heißt: Behutsam aber doch konsequent, alles entfernen, das uns am authentisch sein hindert: Fremdbestimmtes, Aufgesetztes und An-dressiertes. Unbrauchbares schlagen wir weg. Jeder kommt mit sich selbst ins (R)eine. Klar abzulesen am Stein. Die Gespräche innerhalb der Gruppe während der Arbeit, werden nach einiger Zeit leiser und verstummen bald. An ihre Stelle tritt die unerwartet wirkungsvolle und durchdringende akustische Kommunikation aus den Händen mit den Schlaginstrumenten. Aus Sicht der Kollegen scheint sich die Welt ringsumher eine Auszeit zu nehmen. Es ist die eigene neue Schöpfung, die zählt.

Die Gruppe entspricht jetzt einem Chor, der vollkommen im Einklang ist. Jedes Wort wäre da störend. In den Teilnehmern haben sich Atemfrequenz, Arbeitsrhythmen und Herzschlag zu einem zentralen Schrittmacher verbunden. Inmitten der Gruppe empfange ich diese erneuerbare Energie und verhalte mich wie ein zufriedener Gärtner, der für Gedeihen und Wachsen eines Gartens zur Zeit Sorge getragen hat und schlussendlich in Ruhe das Blühen genießen kann, das daraus hervor geht. Wissend, dass die Vorgänge und Wechselwirkungen der Natur keine Nachhilfe brauchen. Dies ist die Zeit für den Gärtner, sich zurückzulehnen.

Als Zeugnis dieser fruchtbaren Entwicklung im einzelnen Kollegen steht die eigene Skulptur fertig da, befreit aus dem Dunkel des Blocks, in dem sie schon so lange ausgeharrt hat.

Die Einsatzbereiche des therapeutischen Bildhauerns in Bezug auf ausgeprägte Belastungsstörungen, Burnout Prävention und Behandlung, sozialpädagogische Maßnahmen, die Arbeit in Haftanstalten und mit kriegstraumatisierten Jugendlichen ist in dem vorliegenden Beitrag ausgeklammert und wäre ein eigenes Kapitel.


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